Die Abneigung des Journalismus gegenüber Neuen Medien

Twitteraccount des @RegSprecher
Twitteraccount des @

Jüngst zeigte sich in einem Interview, dass der wohl doch nicht so weit in punkto Neue Medien ist, wie man bisher annehmen durfte. Ein Beispiel:

Der Regierungssprecher der Deutschen Bundesregierung, , twittert seit einiger Zeit die neusten Ereignisse und Meldungen unter seinem eigenen Account @RegSprecher. Er unterstützt damit einen Trend, der sich schon länger abzeichnete. Auch andere Regierungen entdecken mehr und mehr die Neuen Medien für sich. So twitterte Barack Obama bereits während seinem Präsidentschaftswahlkampf sehr aktiv und engagiert.
Anlass zur Diskussion gab aber ein Tweet, in dem der @RegSprecher verkündete, dass Angela Merkel in die USA reisen würde. Für uns Normalsterbliche wohl nur eine Randnotiz, für die Berliner Hauptstadtjournalisten aber ein Skandal. Aber nicht der Inhalt sorgte, wie man sich denken könnte, für Diskussionsstoff, sondern die Tatsache, dass diese Nachricht zuerst über bekanntgegeben wurde, anstelle des üblichen Weges über die Presseagenturen.

So weit, so gut. Der eigentliche Anlass zur Sorge und Grundlage für dutzende ironische Blogs und noch viel mehr Tweets war aber die Reaktion der Journalisten während einer Pressekonferenz mit dem Stv. Regierungssprecher Dr. , in der die Medienvertreter eine unglaubliche Ignoranz gegenüber Twitter an den Tag legten. Sie brillierten mit beinahe steinzeitlichem Wissen über ein Medium, das massgeblich am Sturz von mehreren Regierungen in Nordafrika beteiligt war. Medienvertreter, die doch eigentlich die Kompetenz besitzen müssten, aus sämtlichen Nachrichtenmedien die neusten Informationen herausfiltern zu können und für eine Leserschaft aufzubereiten. Einige Ausschnitte daraus:

FRAGE: Herr Dr. Steegmans, muss ich mir in Zukunft einen Twitter-Account zulegen, um über relevante Termine der Bundeskanzlerin informiert zu werden?

Für diejenigen, die Twitter nicht nutzen: Der @RegSprecher hat seine Tweets öffentlich gemacht, sodass jeder, ohne ein Konto anlegen zu müssen, diese mitlesen kann.

ZUSATZFRAGE: Diese Twitter-Nachrichten haben einen Nachrichtenwert. Sie sind auch durchaus schon in Mitteilungen aufgegangen. Der Nachrichtendienst Twitter ist nicht sicher. Ich habe vorhin im Internet nachgeschaut. Es gibt zahlreiche Beispiele für Fälschungen von Schauspielern, so Beispiel Martina Gedeck bis hin zum Dalai Lama. Kann ich davon ausgehen, dass das, was dort getwittert wird, wirklich sicher ist? Das kann ja durchaus Folgen haben.

Die Frage stellt sich hier: Was ist sicher? Selbst die Websites der Regierungen, der Geheimdienste oder Banken sind nicht sicher, geschweige denn all die Social Networks. Auch reale Gebäude sind nicht sicher, was verschiedenste Einbrüche beweisen. Wofür gibt es denn Versicherungen? Um Unsicherheiten und Eventualitäten finanziell abzufedern.
Fazit: Das Leben ist nun mal nicht sicher. Wer das verlangt, hat jeglichen Sinn für die Realität verloren.

Aber weiter:

ZUSATZFRAGE: Die Frage ist: Kann es sein, dass außer über Twitter über diese USA-Reise im Juni nirgendwo berichtet wurde? Das ist ja eine andere Qualität. Wenn Herr Seibert twittern will, weil er Zeit hat, ist das alles gut und schön. Aber das geht ja bis hin zu der Frage, wozu man dann noch Chefs vom Dienst braucht, wenn Herr Seibert die Termine twittert.

SRS DR. STEEGMANS: Sie wollen doch in Wahrheit wissen, ob es eine Benachteiligung ist, dass eine Information möglichweise statt über den CvD-Verteiler über Twitter herausgegangen ist. Nein, diese Auffassung teilen wir nicht.

Und hier trifft Dr. Steegmans meiner Ansicht nach ins Schwarze. Es geht schlichtweg nur um den befürchteten Verlust der Informationsweitergabehoheit. Nicht mehr die Journalisten sind es, die relevante Nachrichten weitergeben können, sondern jeder kann das. Wobei die Journalisten hier verkennen, dass die Regierung relevante Nachrichten weitergibt. An jeden. Sowas kann man durchaus auch unter dem Begriff der Demokratie einbinden. Mitbestimmungsrecht, aber auch das Recht auf den Erhalt ungefilterter und neutraler Ergebnisse dieser Mitbestimmung. Was Neutralität in Verbindung mit Medien zu tun hat, brauche ich hier kaum näher auszuführen. Niemand kann eine völlig unbeeinflusste Weitergabe von Nachrichten garantieren.

FRAGE: Herr Dr. Steegmans, als älterer Mensch, der mit diesen neumodischen Kommunikationsformen nicht so vertraut sind, eine grundsätzliche Frage: Hat es irgendwann einmal vonseiten des Bundespressamtes einen Hinweis darauf gegeben, dass nun auch über Twitter wichtige Informationen verbreitet werden und man sich möglicherweise als Kunde oder Follower ‑ ich weiß nicht, wie das dort heißt ‑ anmelden müsste?

Dazu eine direktie Bemerkung an den Journalisten: Sie sind Medienschaffender. Wie in jedem anderen Beruf müssen Sie sich stets weiterbilden, unabhängig, wie alt sie sind. Machen Sie sich also mit diesen “neumodischen Kommunikationsformen” vertraut, denn diese sind die Zukunft.

FRAGE: Offen ist ja noch die Frage, ob die Sicherheitsanforderungen überprüft wurden. Hat Herr Seibert das gemacht, weil er ein junger tougher Typ sein will? Wurde das durch diesen ganzen BND-, BKA- und sonstigen Apparat „durchgerattert“, und am Ende stand, das können wir machen, da können wir auch Regierungs-, Kanzlertermine herausgeben, das ist eine sichere, seriöse Quelle, oder ist das einfach nur mal aus Lust und Laune heraus erfolgt?

Alarmierend, dass die Überprüfung durch die Geheimdienste gar gefordert wird. Nichtsdestotrotz: Wenn sämtliche Geheimdienste der USA, Grossbritannien und Frankreich nichts dagegen haben, wieso sollte dann gerade BKA oder BND etwas finden?

Abschliessend bleibt nur zu fragen: Wie soll die “Elite” des Journalismus die Bevölkerung ausreichend über Aktualitäten informieren, wenn sie sich nicht die Mühe machen, sämtliche möglichen und relevanten Quellen einzubeziehen? Sei es aus Arroganz, Faulheit oder Unsicherheit, nichts von dem ist eine Rechtfertigung zur Meidung des Trends zu den Neuen Medien. Nichts.

Die Mitschrift der Pressekonferenz findet man übrigens unter diesem Link, das Video unter diesem Link.

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